Indien April 2025

Reisezeitraum: 30. März bis 11. April 2025

Reisende: Schwan und Pako

Text von Pako


Einleitung

Nach der Reise mit Pingo nach Ecuador Anfang 2024 zu den beiden indigenen Robusta- Kooperativen JATARI und WAYLLA KURI im Amazonas-Tiefland (siehe hier) war dies nun meine zweite Reise für Quijote. Nachdem mir Lateinamerika mittlerweile ganz gut vertraut ist, neben der letztjährigen Kaffeereise auch durch einen längeren privaten Aufenthalt vor einigen Jahren, war ich sehr gespannt nun noch einmal eine ganz andere Kultur kennenzulernen. Ich war noch nie in einem asiatischen Land, für Indien hatte ich aber schon immer eine Faszination und war dementsprechend voller Vorfreude und Aufregung. In Indien arbeiten wir mit zwei Kooperativen zusammen, die beide in dem in Südwestindien gelegenen Bundestaat Kerala beheimatet sind. Durch das tropische Klima und der hügeligen Landschaft herrschen dort ideale Bedingungen für den Kaffee-, Tee- und Gewürzanbau. Beiden Partnerkooperativen befinden sich in unterschiedlichen Regionen in Kerala, O. Wayanad im gleichnamigen Wayanad, MASS um Idukki herum – mit O. Wayanad arbeiten wir bereits seit über 10 Jahren zusammen, mit MASS hingegen erst seit dem letzten Jahr.

Schwan, der bereits unzählige Male (er ist sich nicht sicher, ob es 7- oder 8-mal waren) für Quijote in Indien war, begleitete mich als mein privater Reiseleiter. Für alle, die die Reiseberichte von Schwan kennen - ich nehme es direkt vorweg - auch dieses Mal wurde Schwans Elefantenfluch nicht durchbrochen. Ich fand es bisher immer belustigend zu lesen, wie verzweifelt Schwan sich die Begegnung mit einem Elefanten wünschte. Was mir aber während der Reise erst bewusstwurde, ist der Fakt, dass alle mit ihm Reisenden natürlich auch unter diesem Fluch zu leiden haben. Das ist mehr als ärgerlich, denn Wayanad, die Region in der unsere Partnerkooperative O. Wayanad ansässig ist, gehört zu den grünsten und saftigsten Regionen Indiens und eine Begegnung mit wilden Elefanten ist normalerweise alles andere als ein seltenes Wunder. Auf den Straßen weisen Schilder immer wieder auf die Gefahr einer Elefantenbegegnung hin, ähnlich wie in Deutschland die Wildwechsel-Schilder.

Die Anreise - Dubai

Bevor ich weiter von dem Besuch bei O. Wayanad, unserem ersten Stopp der Reise, berichte, möchte ich aufgrund des extremen Kontrastes kurz von der Anreise nach Indien erzählen. Der bestgelegene Flughafen zur Weiterfahrt nach Wayanad ist Kozhikode (Calicut) und die direkteste Verbindung von Hamburg nach Calicut führt über Dubai. Während mich Städtetrips normalerweise reizen, um in die Vergangenheit einzutauchen, konnte ich mir die Möglichkeit nicht entgehen lassen einen Zwischenstopp in Dubai einzulegen, um dieses Mal ein Zeitzeuge der "Neuen Moderne" zu werden. Einen ganzen Tag stöberte ich durch diese mehr als aufgeräumte Dreieinhalb-Million-Stadt mitten in der Wüste. Neben Grünanlagen mit Rasenflächen, die wie kostbare Museumsstücke behütet werden (betreten strengstens untersagt!), steht in Dubai zum Beispiel auch das Höchste Gebäude der Welt. Überraschenderweise beeindruckte mich jedoch die künstlich geschaffene Palmeninsel "Palm Jumeirah" noch mehr als das mit 828m wirklich absolut absurd hohe Burj Khalifa. Ich kannte "die Palme" aus Berichten und Dokus und hatte eine Vorstellung davon, was mich erwarten würde - die schiere Größe der Palme aber auch die Menge und Vielfalt an bis zum kleinsten Detail durchgeplanten Gebäuden überwältigte mich jedoch. Ungläubigen Blickes machte ich einen Spaziergang auf dem rechten äußersten Palmenblatt - alleine die Vorstellung des Aufwandes der Aufschüttung der Landmasse ist für mich unbegreifbar, materiell aber auch die dazu benötigte Arbeitskraft. Es ist absolut beeindruckend zu sehen, was der Mensch im Stande ist zu erschaffen, wenn er es möchte. Die Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) haben die Spielregeln unseres kleinen Gesellschaftsspiels "Kapitalismus" auf jeden Fall sehr akribisch gelesen und gekonnt angewendet. Während dieses Palmenblatt-Spaziergangs versuchte ich mir vorzustellen, wie unsere Welt wohl wäre, wenn wir diese Energie dafür nutzen würden Gutes zu erschaffen. Der Zwischenstopp war ein intensiver Einstieg in eine sehr kontrastreiche Reise, aber ein Tag in der Stadt ist für mich dann aber auch völlig ausreichend und ich freute mich sehr auf den Weiterflug zum eigentlichen Ziel.

Ankunft bei O. Wayanad – Wiedersehensfreude und erste Eindrücke

In Calicut angekommen traf ich Schwan am Flughafen. Reisen in die Kaffeeanbauländer sind immer eine gute Möglichkeit die weiten Entfernungen mit einem Urlaub zu verbinden. Schwan nutzte die Chance und war bereits eine Woche im Kaukasus unterwegs. Da ich das erste Mal in Indien bin, habe ich die zwei Wochen Arbeit auf insgesamt fünf Wochen Indienaufenthalt ausgedehnt, um die Chance zu nutzen einen Eindruck von dem Land zu bekommen. Ich kann hier schon einmal vorwegnehmen, dass die zwei Wochen bei und mit unseren Partnerkooperativen eine unglaublich schöne Erfahrung waren und ein perfekter Start ein neues Land und eine neue Kultur zu erkunden.

Vom Flughafen wurden wir von einem Fahrer von O. Wayanad abgeholt und fuhren in die ca. vier Fahrtstunden entfernte Region Wayanad - eine in sanften Hügeln eingebettete Hochebene - bekannt für ihre üppigen Wälder, ihre fruchtbaren Böden, das angenehm kühle Klima und der Biodiversität - mit Wildtieren wie natürlich Elefanten. Wayanad gilt als das "grüne Herz" Keralas. Mein erster Eindruck konnte diesen Ruf nur bestätigen, die Region strahlt eine unglaubliche Ruhe aus.

Angekommen auf dem Gelände von O. Wayanad begrüßte uns Mr. George mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Ich hatte schon viel von ihm und seiner Ausstrahlung gehört und es war richtig schön jetzt die Möglichkeit zu haben ihn persönlich zu treffen - er ist ein sehr witziger und herzensguter Mensch. Ich erfuhr, dass Mr. George immer nur am Wochenende nach Hause fährt und unter der Woche abends und nachts meist der Einzige auf dem Gelände ist. Sein Zuhause ist anderthalb Stunden entfernt und es lohnt sich für ihn einfach nicht diese Strecke mehr als einmal pro Woche auf sich zu nehmen. Für Schwan und mich kam das sehr gelegen, denn auch wir verbrachten während der Zeit unseres Besuches die Nächste auf dem Gelände der Kooperative und hatten somit immer gemütliche gemeinsame Abende. Diese fielen jedoch meistens dann doch recht kurz aus, da wir nach sehr langen und anstrengenden Tagen immer früh ins Bett fielen.

Mr. George zeigte mir das Gelände, Schwan kannte dieses natürlich schon sehr gut, kam aber trotzdem mit, da es dann doch jedes Jahr wieder Neuerung gibt. Wie ein kleines Kind erforschte ich voll Neugier alles, was kreuchte und fleuchte. Neben Kaffee bauen die FarmerInnen der Kooperative viele Gewürze an, die für Ayurvedische Medizin verwendet werden; aber sich natürlich auch perfekt fürs Kochen eignen. Es gibt viele kleine Testbeete, das Gelände besteht jedoch hauptsächlich aus Einrichtungen zum Verarbeiten der Gewürze und des Kaffees. Zum Beispiel gibt es ein Labor für die Herstellung der Ayurvedischen Medizin. In einem anderen Teil des Gebäudes war in riesigen Gläsern die Herstellung von fermentiertem Pfeffer (den wir auch importieren - große Empfehlung) voll im Gange. Ein wunderbarer Duft durchströmte die Räume. Auf einem anderen Teil des Geländes standen die Maschinen für die Verarbeitung von Kaffee, welche jedoch leider nicht im Betrieb waren, da unser Besuch außerhalb der Erntesaison stattfand. Es war sehr ruhig in der Halle, ich konnte mir aber vorzustellen was für ein Trubel hier während der Ernte herrschen musste. Die FarmerInnen bringen die frisch geernteten Kirschen entweder selbst zum Gelände der Kooperative bzw. ab einer gewissen Erntemenge gibt es auch einen Abholservice. Dazu steht ein süßer kleiner Truck bereit. Die Kaffeekirschen müssen direkt nach der Ernte verarbeitet werden - für die sogenannte "washed"-Verarbeitung bedeutend dies, dass die Kaffeebohnen (was im strengeren Sinner übrigens keine wirklichen Bohnen, sondern Samen der Kaffeefrucht sind) in den Maschinen vom Fruchtfleisch getrennt und gewaschen werden. Danach kommen die Bohnen zum Trocknen in riesige Trocknungszelte. Zur Zeit unseres Besuches lagen in diesen Zelten große Mengen an Kurkuma - auch lecker.

Auf der Tour trafen wir immer wieder Mitarbeitende der Kooperative - alle kannten Schwan und freuten sich unglaublich ihn zu sehen. Fast alle waren bereits bei Schwans allererstem Besuch vor acht Jahren Teil des Teams. Es war richtig schön diesen familiären Zusammenhalt zu sehen. Im Allgemeinen würde ich die Arbeit von O. Wayanad als altruistisch und gemeinwohlorientiert bezeichnen - niemand arbeitet hier für seinen eigenen Reichtum, sondern alle aus der moralischen Überzeugung etwas Gutes zu tun.

Farmbesuche

Ein wichtiger Teil der Kaffeereisen ist der Besuch von Farmen. Während unserer Zeit bei O. Wayanad besuchten wir insgesamt sieben Farmen. Für mich waren diese Besuche unglaublich schön und bereichernd. In dem folgenden Abschnitt möchte ich kurz versuchen zu beschreiben, wie ein solcher Besuch abläuft. Auf dem Weg zu den Farmen, die teilweise bis zu einer Autostunde von dem Kooperativen Gelände entfernt liegen, sog ich alles an Eindrücke in mich auf - während, zu diesem Zeitpunkt noch gutgläubig, mein Blick auch immer nach wilden Elefanten spähte. Schwan saß sichtlich resigniert neben, sein Schicksal akzeptierend.

Auf den Farmen wurden wir sehr herzlich und gastfreundschaftlich oftmals von der gesamten Familie empfangen. Zuerst versammelten wir uns zu einem Gespräch im Wohnzimmer oder auf der Veranda. Zur Begrüßung gab es meist einen Snack aus dem eigenen Garten. Da eigentlich alle Bananenstauden besitzen, brauchten wir die Tage über auf jeden Fall keine Angst vor einem akuten Bananenmangel haben. Manchmal gab es dazu noch andere Obstsorten wie Papayas und Mangos. In den Gesprächen erkundigten wir uns über den allgemeinen Aufbau der Farm. Wie groß ist das Gelände? Was wird angebaut? Wie lange gibt es die Farm bereits? Wie lief die letzte Saison? Was sind die derzeitigen Hürden? Was lief gut? Was sind die Erwartungen und Wünsche für die nächste Erntesaison und für die Zukunft? Wissbegierig fragte ich alles was mir einfiel und schrieb fleißig in meinem kleinen Notizblock mit, welches sich schnell füllte. Neben den 1000 Fragen die ich stelle, hatte ich mindestens so viele noch im Kopf.

Diese Besuche von uns sind keinesfalls, um irgendwen zu kontrollieren. Aus meiner Sicht sind sie die einzige Möglichkeit eine Partnerschaft zu betrieben, die auf Augenhöhe ist. Wir kommen aus komplett unterschiedlichen Kulturen und dementsprechend unterschiedlichen Wahrheiten und Weltanschauungen. Nur durch diese Besuche ist es möglich sich wirklich zu Begegnen und ein gegenseitiges Verständnis füreinander zu entwickeln. Dementsprechend wichtig und schön finde ich es, dass auch wir bei Quijote manchmal Besuch von Kooperativenmitgliedern bekommen.

Neben meinem kulturellen Interesse hüpfte ich nach den Gesprächen mit großen Augen (und noch viel mehr Fragen) über das Farmgelände. Die Artenvielfalt war für mich überwältigend, alles was ich an Gewürzen liebe, wird hier angebaut. Ich hatte mir selbst den Auftrag gegeben bei jedem Farmbesuch mindestens eine neue Gewürzpflanze kennenzulernen, dessen Endprodukt ich sonst nur in getrockneter Form aus dem Supermarkt kenne - Zimt, Kardamom, Pfeffer, Nelken, Muskat, Ingwer, Vanille... Dazu jede Menge Papayas, Mangos, Jackfruits und natürlich Bananen. All dies dient zum einen zur eigenen Versorgung, aber auch zum Verkauf und als zusätzliche Erwerbsform neben dem Anbau von Kaffee. Stichwort Diversifizierung.

Selbstverständlich gab es auch einiges zum eigentlichen Grund unseres Besuches, dem Kaffee, zu entdecken und zu lernen. Zwischen den Kaffeepflanzen stehen große Bäume, meist auch Nutzpflanzen, also Obstbäume oder forstwirtschaftliche Arten wie Akazien, Mahagoni oder Teak. Kaffee ist ein Halbschattengewächs und braucht diese Pflanzen als natürliche Schattenspender. Da wir leider zu der langweiligsten Phase der Saison zu Besuch waren, gab es an den Kaffeepflanzen selbst wenig Spannendes zu begutachten - sie waren weder in der Blüte noch trugen sie rote Früchte. Arbeit gibt es auf den Farmen trotzdem immer und die Kaffeepflanzen brauchen das gesamte Jahr Aufmerksamkeit. Neben der richtigen Düngung ist vor allem das Zurückschneiden eine der wichtigsten Aufgaben. Würde man die Kaffeepflanze einfach ohne Pflege wachsen lassen, würde sie zu einem richtigen Baum heranwachsen, der Ertrag würde sinken und die Ernte durch die Wuchshöhe erschwert bzw. unmöglich. Bei den unterschiedlichen FarmerInnen konnten wir sehr gut sehen, was für einen Effekt eine penible Pflege haben kann. Während der eine Farmer mit einem sehr großen Gelände sich nicht so sehr die Mühe machte und sich die Pflanzen frei entfalten durften, war dessen Ertrag auf die Fläche gerechnet um das Vielfache niedriger als bei einem der Farmerin, die es liebte ihre Farm sehr strategisch und fast wissenschaftlich zu betreiben.

Wenn ich bei den Farmbesuchen kurz innehalte, also es mal schaffe keine Fragen stelle, höre und spüre ich das Leben. Vögel singen, Insekten rascheln in den vertrockneten blättern. Die Luft ist rein und duftet wunderbar. Auf einer Farm sitzen wir auf der Veranda und trinken selbst hergestellten Rosmarinwein (absolutes Sommertrendgetränkpotenzial), während Affen durch die Bäume jagen und uns der Farmer seinen Traum von Ultraschalllautsprechern erzählt, um Elefanten vom Grundstück fernzuhalten. Schwan fragt ihn, ob diese auch gegen Tiger wirken - er zuckt mit den Schultern - Tiger seien nicht das Problem, sie machen im Gegensatz zu den Elefanten nicht die Pflanzen kaputt. Diese Exotik hat für mich etwas tief Romantisches. Was für ein wundervolles Leben mitten in und mit der Natur, denke ich. Ich sauge dieses Gefühl auf und genieße es sehr, schaffe es dann aber auch da wieder rauszuzoomen. Natürlich löst dieses Leben bei mir eine Faszination aus, es ist der komplette Kontrast zum Großstadtleben im trüben Norddeutschland. Diese Faszination ist auch okay, gleichzeitig bedarf es aber natürlich das Bewusstsein, dass dieses Leben für die Menschen hier garnichts mit Exotik zu tun hat - all das ist für Sie normal und Alltag. Sie betreiben Landwirtschaft um sich zu ernähren und Geld zu verdienen. Die Wahl Kaffee anzubauen ist nicht, weil sie das Produkt selbst so sehr lieben und schätzen, sondern ganz unromantisch weil es Geld bringt. Die wenigsten FarmerInnen trinken selbst Kaffee, und wenn dann nicht ihren eigenen, sondern irgendeinen Instantkaffee aus dem Supermarkt. Diese Beziehung zwischen den FarmerInnen und dem Kaffee ist übrigens eigentlich überall auf der Welt so pragmatisch und unromantisch. Die westliche Gesellschaft versucht den KonsumentInnen da nur immer eine andere Geschichte zu erzählen, denn nicht nur Sex sondern auch Exotic sells.

Nichtsdestotrotz bemerke ich bei den Gesprächen mit den FarmerInnen einen Unterschied in der Weltanschauung. Die Leute wirken alle sehr entspannt und geduldig - und immer wieder hören wir “es gibt wichtigeres als Geld". Leider braucht es aber auch Geld, vor allem um die Herausforderungen der heutigen Zeit zu meistern.

Herausforderungen

Die Kaffeepreise auf dem lokalen Markt waren in den letzten Jahren sehr niedrig, oftmals lagen sie unter den Kosten für den Anbau. Dass trotzdem weiter Kaffee angebaut wurde und wird liegt ganz einfach daran, dass Kaffee keine einjährige Pflanze ist, sondern ein Baum. Nach 3-4 Jahren trägt er das erste Mal Kirschen. Die darauffolgenden Jahre wird der Ertrag immer höher. Mal eben einen Kaffeebaum durch eine andere Pflanzenart ersetzen macht niemand und so kämpfen sich manche FarmerInnen durch diese niedrigpreisigen Zeiten in der Hoffnung, dass sie bald wieder Geld mit Kaffee verdienen können. Auf den Farmen die wir besuchen, haben die meisten Pflanzen ein Alter von 60-70 Jahren - einige Exemplare sind sogar bis zu 100 Jahre alt. Je älter die Pflanze, desto geringer wird der Ertrag. Langfristig betrachtet macht es Sinn, sukzessiv Altpflanzen durch Neue zu ersetzen. Eine Neupflanzung ist jedoch ein wohlüberlegter Schritt. Die Setzlinge werden von der Kooperative umsonst für die Mitglieder zur Verfügung gestellt, zusätzlich dazu das Wissen rund um die Neupflanzung. Das ist super für die Mitglieder und eine große Hilfe - Eine Neubepflanzung bedarf aber trotzdem einer gewissen finanziellen Grundsicherheit, denn wie berichtet bringt die junge Pflanze in ihren ersten Lebensjahren keinerlei Ertrag. Bis dieser die Ertragsmenge der ersetzten Altpflanze übersteigt, vergehen bis zu 10 Jahre. Daher ist die Entscheidung für eine Neupflanzung nicht trivial, vor allem nicht in instabilen Zeiten mit fluktuierenden Preisen und sich ständig verändernden klimatischen Bedingungen. Alle FarmerInnen berichten uns von den Herausforderungen bzgl. des Klimawandels, ohne dass wir ihnen explizit diese Frage stellen. Vor allem in den letzten 5 Jahren hat sich viel verändert, das Wetter wird immer extremer. Lange Phasen der Dürre fordern Bewässerungstrategien, während übermäßiger Regen Trocknungsprozesse von Gewürzen und Kaffee erschwert.

Die Mitglieder unserer Partnerkooperative haben in niedrigpreisigen Zeiten glücklicherweise weniger zu befürchten, da die Preise die wir bezahlen vom lokalen Markt entkoppelt sind. Zweiter Aufkäufer des Kaffees von O. Wayanad ist Roasters United, die eine sehr ähnliche Preispolitik wie wir bei Quijote betreiben. In der letzten Erntesaison gab es jedoch eine Besonderheit und für uns eine Neuheit. Erstmals stiegen die lokalen Preise im Laufe der Ernte über den von uns vertraglich vereinbarten Preis. Vor der Erntesaison gibt es bei der Kooperative immer eine Versammlung, in der die Mitglieder gemeinsam den Preis für die Saison fixieren und auf dessen Basis wir gemeinsam die Kaufverträge schreiben. Aufgrund verschiedenster Ursachen ist der Kaffeeweltmarktpreis nach der Fixierung völlig unkontrollierbar gestiegen. Plötzlich boten lokale Aufkäufer an den Farmtoren mehr Geld als die Kooperative, mit dem Ergebnis, dass einige der FarmerInnen nicht die gesamte Ernte zu O. Wayanad gebracht haben. Alle hier vor Ort hatten dafür Verständnis, also auch die Vertreter der Kooperative - alle berichteten offen über das Thema bei den Farmbesuchen. Das Kaffeebusiness ist einfach sehr hart, viele Leben von der Hand in den Mund und die Chance dieses eine Mal einfach mehr Geld zu verdienen, um einen finanziellen Puffer aufzubauen, konnten sie nicht ausschlagen. Den Großteil ihrer Ernte brachten die meisten aus Loyalität jedoch trotzdem zur Kooperative, natürlich auch in dem Wissen, dass es die letzten Jahre dort immer mehr Geld gab als auf dem lokalen Markt.

Die FarmerInnen berichten uns, dass dieses Jahr alle Leute in der Region mal etwas durchatmen konnten. Plötzlich war Geld vorhanden, welches zur Modernisierung der Farm genutzt werden konnte - sie erzählen uns zum Beispiel von vielen Nachbarn die Zäune zum Schutz von Wildbefall bauen.

Die Zukunft

Viele der älteren FarmerInnen wissen noch nicht, was mit ihrer Farm passiert, wenn sie sie nicht mehr selbst bewirtschaften können. Auf die Frage, ob eines ihrer Kinder diese übernehmen wird, bekommen wir als erste Reaktion immer ein planloses Schmunzeln zurück. Die Kinder, die wir auf den Farmen antreffen berichten uns alle dasselbe: Landwirtschaft bringt zu wenig Geld. Die Chancen und Hoffnungen in den großen Städten oder im Ausland sind attraktiver. Gleichzeitig berichten sie aber auch davon, dass sie die Ruhe und das Leben in und mit der Natur sehr schätzen und sie sich vorstellen könnten hier zu bleiben, wenn der landwirtschaftliche Betrieb profitabler wäre. Grundsätzlich fand ich es richtig schön zu erleben, dass diese jungen Menschen nicht nur die Fortführung der Farm ihrer Eltern als einzige Option haben, sondern auch die Chance und Perspektive auf ein anderes Leben. Das zeigt sehr die Entwicklung des Landes und spricht vor allem für das Bildungssystem, denn selbst viele Kinder der sehr rural lebenden FarmerInnen von O. Wayanad haben die Möglichkeiten zu studieren. Die meisten von Ihnen bleiben nach dem Studium in der Großstadt oder ziehen ins Ausland. Neben Europa und Nordamerika, sind die Vereinigten Arabischen Emirate in den letzten Jahren Hauptanlaufpunkt geworden.

Auf einer der Farmen ist einer der Söhne, der derzeit in Bangalore lebt, für einen längeren Aufenthalt zu Besuch. Er ist Ornithologe und schreibt derzeit seine Doktorarbeit, die Farm seiner Eltern ist dabei Studienobjekt. Er berichtet uns, dass er das Leben auf der Farm und deren Bewirtschaftung einer wissenschaftlichen Karriere bevorzugen würde, aus finanzieller Sicht eine moderne Ausbildung aber notwendig sei, um eine Perspektive für die Zukunft zu haben. Zusammen mit seinen Eltern habe er eine Exceltabelle erstellt, in die alle Daten der Farm wie Ernteerträge, Ausgaben und Einnahmen akribisch eingetragen werden. Auf Basis dieser Werte kann er errechnen, was er pro kg Kaffeekirsche erhalten muss, um rentabel zu wirtschaften. "Was wäre, wenn die Preise immer so hoch wären wie dieses Jahr?" frage ich ihn. Er antworte, dass er in diesem Fall sehr gerne die Farm seiner Eltern übernehmen würde. Es war super spannend zu genau diesem Zeitpunkt zu reisen und dieses Momentum der hohen Preise mitzubekommen. Auf jeden Fall ist es zu begrüßen, dass der Kaffeepreis hoch ist und im Idealfall auch so bleibt. Man konnte am eigenen Leib spüren, wie die Kaffeewelt aussehen könnte, wenn diese Preise der Standard wären. Viel eher rechne ich jedoch damit, dass dies bis auf wenige Ausnahmen die letzte Generation ist, in der Kaffee in kleinbäuerlichen Strukturen angebaut wird. So wie sich bei uns im Westen die Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten zu einer hochindustrialisierten Monokulturlandwirtschaft entwickelt hat und der klassische Bauer mit seinem Bauernhof quasi nicht mehr existiert, wird es ziemlich wahrscheinlich auch dem Kaffee ergehen. Ein Blick nach Brasilien lässt erkennen, in welche Richtung die Entwicklung geht. Umso dankbarer bin ich, die Möglichkeit zu haben Zeitzeuge dieser für den Moment noch existierenden und aus sozialer und ökologischer Sicht viel erstrebenswerteren Strukturen zu sein.

Wir als Quijote sind da natürlich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, werden aber unermüdlich weiter gegen die Windmühlen des "Fortschritts" kämpfen und solange es geht diese mit Blick auf die industrialisierte Landwirtschaft dann doch als romantisch zu bezeichnende Welt zu erhalten - denn wir können aus eigener Erfahrung davon berichten wie diese "Moderne" Welt aussieht und was dessen Folgen vor allem aus ökologischer Sicht sind.

Ganz pragmatisch und ohne viel Utopie und Idealismus lag der inhaltliche Hauptaugenmerk dieser Reise bei dem konkreten Punkt der zukünftigen Preisgestaltung. Aus Sicht von Quijote war die diesjährige Preisentwicklung eine große Überraschung und hat uns ebenfalls erst einmal überrumpelt. Unser Selbstverständnis, dass wir mehr Zahlen als der lokale Markt ist derzeit nicht mehr gegeben, zu wild sind die Preisentwicklungen in der Kaffeewelt im Moment. Für die Zukunft müssen neue Mechanismen gefunden, neue Strategien erarbeitet werden. Zum Abschluss unseres Besuches bei O. Wayanad besprechen wir mit den Vertretern der Kooperative Möglichkeiten für zukünftige Preisgestaltungen. Nur durch die Farmbesuche der letzten Tage und die vielen Geschichten und Perspektiven der einzelnen Menschen war es möglich hier ein sinnvolles Gespräch auf Augenhöhe zu führen.

Kooperative MASS

Voller Dankbarkeit für die letzten Tage verabschiedeten wir uns von allen bei O. Wayanad. Sehr gesättigt von Informationen hatte ich meine Zweifel, dass unser zweiter Halt dieser Reise bei der Kooperative MASS mir noch weitere Erkenntnisse bringen würde. Ich sollte mich täuschen.

Mit MASS arbeiten wir erst seit einem Jahr zusammen - aus dem Grund für uns selbst ein wenig mehr Sicherheit zu schaffen. Es kommt immer mal wieder vor, dass vor allem die kleineren Kooperativen ihre Ernteerwartungen nicht erfüllen können, z.B. aufgrund von wetterbedingten Ernteeinbüßen. Als Backuplösung macht es Sinn die Partnerschaften durch größere Kaffeekooperativen zu erweitern. Im Bereich des gewaschenen Robustas fehlte uns da bisher diese Diversifizierung, welche wir uns erhoffen mit MASS zu bekommen. Die Kooperative befindet sich in der Region um Idukki. Nach einem freien Wochenende in Calicut und Kochi fuhren wir in diese Region. Das Landschaftsbild war noch einmal ein ganz anderes als in Wayanad, es ist richtig bergig und neben Kaffee wird hier an den steilen Hängen vor allem Tee angebaut. Die Unternehmensstruktur von MASS unterscheidet sich im Wesentlichen von denen Strukturen von O. Wayanad. MASS selbst ist eine kleinbäuerliche Kooperative, dessen Aufgabe neben der allgemeinen Unterstützung und Bildung der Mitglieder, der Ankauf und die Verarbeitung des Kaffees bis zur getrockneten Bohne (gewaschener Kaffee) bzw. getrockneter Kirsche (natural) ist. Ab da übernimmt Plantrich, quasi der Mutterkonzern von MASS. Der Besuch hat vor allem den Größenvergleich zwischen O. Wayanad und MASS/Plantrich gezeigt. Neben Farmbesuchen lag der Hauptaspekt auf dem Besuch der neuen Verarbeitungsfabrik von Plantrich. Hier werden die getrockneten Bohnen bzw. Kirschen zu dem finalen Exportprodukt weiterverarbeitet, das bedeutet in mehreren Stufen gereinigt und nach Größe sowie Qualität sortiert. Erst dort wurde eindeutig, wieviel größer hier alles ist. Durch die technische Komplexität war alles sehr effizient und professionell, wodurch in der Verarbeitungsfabrik aber auch etwas das Familäre verlorenging - Plantrich ist vielmehr ein klassisches Unternehmen. MASS hingegen als selbstverwaltete kleinbäuerliche Kooperative weist viele Gemeinsamkeiten zu O. Wayanad auf. Je weiter man sich in Richtung Farmebene bewegt, desto geringer werden die Unterschiede. Ich persönlich fand es beeindruckend und erkenntnisreich diese Kooperative im direkten Anschluss zu besuchen, aufgrund meiner technischen Berufsausbildung vor allem die Kontraste auf technischer Ebene. Ich freue mich auch, dass wir MASS als zusätzliche Partnerschaft gefunden haben, denn Sie machen vor allem auf Kooperativenebene eine super Arbeit und sind eine gute Ergänzung.

Jeden einzelnen Tag dieser Reise dachte ich, dass ich nun alles gesehen habe und alles verstanden hätte. Und jeden einzelnen Tag gab es mehr zu lernen und eine Vielzahl an AHAMomenten, die mich vor allem lehrten, dass ich ganz viel auch einfach noch nicht verstanden habe. Ich freue mich über das Bewusstsein dieser Naivität, denn sie erlaubt es mir weniger zu projizieren und noch einmal zu realisieren, wie wichtig Vertrauen ist. Durch diese Reisen können wir uns annähern und Verständnis füreinander gewinnen, am Ende werden wir aber definitiv nie alles wirklich verstanden haben und letztendlich bedarf es immer das gegenseitige Vertrauen für eine funktionierende Partnerschaft, dessen Basis wiederum der direkte Kontakt ist.

Ich freue mich darauf in Zukunft noch mehr zu lernen und vor allem die wundervollen Menschen wiederzutreffen und gemeinsam zu versuchen diese Welt als schönen und lebenswertes Ort zu bewahren.